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Lenin: Alles "Richtig"?

Zu Ingar Soltys Vorschlag, Lenin „historisch zu lesen“ in der Beilage der "Junge Welt"

vom 22.04.2020 "Die Revolution denken und machen"

Wäre es nicht angemessener Lenin historisch-kritisch statt nur „historisch“ zu lesen? So bleibt viel Widersprüchliches in Lenins Theorien und das in vieler Hinsicht Zweifelhafte und Menschenverachtende seiner Politik außen vor.

Dass Rosa Luxemburg in ihrer Schrift „Zur russischen Revolution“ Lenin und Trotzki eine Diktatur im Sinne einer „Cliquenherrschaft“ anstelle der Entfaltung der „sozialistischen Demokratie“ vorgeworfen hat, (Luxemburg, Werke, S,. 362 f.) lastet schwer auf den Bewunderern des großen Strategen. Luxemburgs Kritik am Vorgehen der Bolschewiki zu relativieren, gehört daher zum Geschäft der Apologeten. Solty unterstellt, Luxemburg hätte in Deutschland letztlich eine „gewaltsame Revolution“ wie in Russland gewollt, wenn sie möglich gewesen wäre. Das war aber nicht der Punkt. Sie hatte etwas gegen „sozialistische Diktatoren“. Nach ihrer Auffassung hatte „sozialistische Demokratie“ mit „dem Moment der Machteroberung durch die sozialistische Partei“ zu beginnen.

Es geht nicht um Moden, „westlichen Marxismus“ oder andere heutige Befindlichkeiten, aus denen heraus Kritik an Lenin geübt werde. Die Sache ist ernster: Wenn die Linke heute glaubwürdig sein will, kommt sie um eine kritische Aufarbeitung des marxistischen Erbes nicht herum.

 

Es ist irritierend, ausgewählte Aussagen Lenins mit dem Etikett „Richtig“ zu versehen und ihm gar „Gültige Einschätzungen“(!?) zuzuschreiben. Nehmen wir die – schon bei Marx angelegte – Instrumentalisierung der „Arbeiterklasse“ als das bevorzugte revolutionäre Subjekt, die Solty bedenkenlos fortführt. Er erteilt das Prädikat „Richtig“ für Lenins Auffassung, dass antikapitalistische Politik von Arbeiterinnen und Arbeitern getragen werden müsse, da sie als ausgebeutete Klasse aufgrund ihrer Klassenlage nicht nur ein „objektives Interesse“ – das mag ja noch hingehen – sondern mit Hilfe des Streiks auch „die objektive Befähigung zum Sozialismus“ hätten. Entsprechend „Richtig“ findet Solty Lenins Abwertung des so genannten „alten und neuen Kleinbürgertums“, der „Mittelklassen“, denen Lenin „Anarchismus und Linksradikalismus“ als ein Ausdruck ihrer Deklassierung, zuschreibt.

Hat die Erfahrung der letzten 150 Jahre nicht gezeigt, dass politische Richtungsentscheidungen, unabhängig von der „objektiven“ sozialen Lage der Individuen, letztlich immer subjektiv getroffen werden? Es gibt nun mal reaktionäre Arbeiter*innen und fortschrittliche Unternehmer*innen. Systemkritische Bewegungen entwickeln sich mehr denn je ungeachtet der sozial-ökonomischen Lage der Beteiligten an verschiedensten gesellschaftlichen und politischen Fragen.

Desweiteren trage nach Lenins Auffassung die starke Beteiligung der Schicht der ›Akademiker‹ zwar den „Revisionismus, Elektoralismus und andere bürgerliche Denkbewegungen“ in die Arbeiterbewegung. Andererseits habe die „bürgerliche Intelligenz“, vorausgesetzt, dass sie „die eigene Klasse verrät“ (!) und sich dem Sozialismus zuwende, eine hohe Bedeutung, „weil (nur sie) die Wissenschaftlichkeit der Politik“ gewährleiste. Inklusive der Zumutung des „Klassenverrats“ findet Solty auch das „Richtig“.

 

Führt die kritiklose Identifikation mit dem „großen“ Lenin nicht schließlich zur Selbstaufgabe des Intellektuellen Solty, der ja der angeblich „objektiv“ zum Sozialismus befähigten Klasse eher nicht angehört? Oder will er als „Verräter seiner Klasse“ die „Wissenschaftlichkeit der Politik“ gewährleisten? Dann sollte er wenigstens das Schicksal der Intellektuellen, die mit Anpassung, Sich-in-den Dienst-stellen usw. versuchten, im revolutionären Geschäft zu bleiben, in die historische Betrachtung einbinden, denn schließlich sind sie fast alle über die Klinge gesprungen, die Lenins und Trotzkis Diktatur schon scharf gestellt hatte.

 

Der Schatten des roten Terrors, der vor der russischen Arbeiterklasse und ihren Organisationen nicht Halt machte, fällt auf Lenins Gesamtwerk und bei kritischer Betrachtung findet man folgenreiche Fehleinschätzungen auch in seinen vor der Revolution geschriebenen Werken.

Es wäre noch viel zu sagen beispielsweise über den von Lenin und Trotzki energisch betriebenen Bürgerkrieg, der mehr Opfer in Russland forderte als der Erste Weltkrieg, über die menschenverachtende Politik der sozialen und teilweise physischen Ausrottung, der als „bourgeois“ oder „kleinbürgerlich“ eingeordneten Menschen, die ihrem Machtanspruch im Wege standen. Hier kann nur eine historisch-kritische Aufarbeitung Vergangenheitsbewältigung der Linken leisten und keinesfalls eine Neuauflage des sich zwischen Heroisierung und Ausblendung bewegenden „Marxismus-Leninismus“ sowjetischer Prägung.

© Brigitte Forßbohm

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Lenin: Alles "Richtig"?
Zu Ingar Soltys Artikel in der Beilage der Jungen Welt vom 22.4.2020 "Die Revolution denken und machen"
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